Neuigkeiten

15.07.2019, 15:40 Uhr | nane

Ein ganz normaler Mensch

Martin Dubberke lässt Dietrich Bonhoeffer "lebendig" werden

Nachdenklich verlassen die Besucher das Bonhoeffer-Haus in der Marienburger Allee. Der Vortrag von Pfarrer Martin Dubberke (Foto : Zweiter von links) für die Teilnehmer vom Bürgerbüro Andreas Statzkowski hat Spuren hinterlassen. Die Erzählungen während der Führung durch Bonhoeffers Elternhaus wühlten jeden auf. Nicht nur, weil Dietrich Bonhoeffer Widerstand gegen Hitler geleistet hatte und deshalb von den Nationalsozialisten ermordet wurde, sondern auch weil seine ganze Familie bereit gewesen war aus innerem Antrieb heraus, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Jeder auf seine Weise in einzigartiger Form.

 

 

Der Berliner Pfarrer und theologische Lehrer Dietrich Bonhoeffer (4.2.1906–9.4.1945) gehört zu den im In- und Ausland prominentesten und einflussreichsten deutschen Theologen des 20. Jahrhunderts. Die Familie Bonhoeffer kam 1513 aus den Niederlanden zunächst nach Schwäbisch Hall. Übersetzt bedeutet der Name Bonhoeffer „Der aus dem Bohnengarten“. Im Wappen der Familie zeigte sich das – ein Löwe, der einen Bohnenstrauch in den Tatzen hält.  Schon damals übernahmen Familienmitglieder Verantwortung für die Gesellschaft. Diese gaben die Bonhoeffers über Generationen weiter. Verantwortung aus Tradition. Auch Dietrich Bonhoeffer wurde in diesem Geiste erzogen. Sein Name steht für Zivilcourage, gelebtes Christsein und politischen Widerstand.

Das Haus in der Marienburger Allee in Berlin wurde 1935 erbaut und diente als Alterssitz für Dietrichs Eltern, Karl und Paula Bonhoeffer, die zuvor mit ihren acht Kindern und sieben Angestellten in einer großen Villa in Berlin gelebt hatten.  Bonhoeffers Familie verkörperte das klassische Bildungsbürgertum. Jedes Kind musste mindestens ein Instrument spielen – und zwar bis zur Orchesterreife.

Theologie war Magie

Dietrich Bonhoeffer lebte immer dann in der Marienburger Allee, wenn er sich in Berlin aufhielt. Mit 22 Jahren legte er sein Erstes Theologisches Examen ab und reichte seine Doktorarbeit ein, die 1930 veröffentlich wurde.Theologie war nicht gerade das, was seine Eltern sich als Beruf für ihren Sohn gewünscht hatten. Theologie war Magie, galt für sie nicht als Wissenschaft. Die Bonhoeffers studierten traditionell Medizin, Physik, Jura oder Naturwissenschaften. Dietrich aber ging seinen Weg, mit 24 Jahren habilitierte er, aber Pfarrer durfte er dennoch nicht werden. Dazu musste man 25 sein.

Amerikaner bewundern Dietrich Bonhoeffer 

Bonhoeffer war global aufgestellt, studierte und lebte unter anderem in Amerika. Dort begeisterte er die Menschen mit seiner Offenheit und der Fähigkeit die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Während seines Studienjahres in New York am Union Theological Seminary schloss er Freundschaften und engagierte sich an der Abyssinian Baptist Church in Harlem, wo er sich für „social gospels“ begeisterte. Diese tiefe Spiritualität war wichtig für Dietrich Bonhoeffer.

Die Bewunderung vieler Amerikaner für den deutschen Theologen und Widerstandskämpfer ist bis heute geblieben. „Im Reformationsjubiläum 2017 hatten wir 2700 Besucher; ein Großteil davon kam aus den USA. Und bei meinem E-Mail-Verkehr und bei den Führungen ist Englisch häufiger vertreten als Deutsch“, erläutert Pfarrer Martin Dubberke.

Haus ist Begegnungsstätte, kein Museum

Dietrich Bonhoeffers Studierzimmer im Dachgeschoss des Berliner Hauses wurde in etwa wieder so hergerichtet, wie er es 1943 verlassen musste, als die Nazis ihn verhafteten. Und dennoch ist das Haus kein Museum. „Dies Haus soll leben und deshalb wohnen wir hier“, erläutert Martin Dubberke die Philosophie der Gedenkstätte. Gleichzeitig erwähnt der Pfarrer, dass Dietrich Bonhoeffer ein ganz normaler Mensch gewesen ist. Er wurde nie laut, wirkte eher wie ein Gutsherr, genoss das Leben und einen gewissen Luxus, den die Familie sich leisten konnte.

1951 kaufte die evangelische Kirche - nach dem Tode von Dietrich Bonhoeffers Mutter Paula - das Haus. Hier entstand dann eine „Topografie des Widerstandes“ die gleichzeitig eine Begegnungsstätte ist. Dafür gestaltete der Grafiker Matthias Frach in der ehemaligen Artpraxis von Dietrichs Vater Karl Bonhoeffer eine ständige Ausstellung. In neun verschiedenen Themenbereichen kann man Leben und Wirken Dietrichs – und teilweise auch seiner Familie - nachvollziehen.

Mit den zahlreichen Erläuterungen und Anekdoten von Martin Dubberke wird jeder Besucher schnell in die damalige Zeit versetzt. So haben hier im Wintergarten Dietrichs Bruder Karl Bonhoeffer und Friedrich Bodelschwingh (Theologe und Leiter der Bethel-Anstalten) gesessen und über eine Strategie gegen Euthanasie nachgedacht.

Aber nicht nur der Bruder spielte eine Rolle im Hause Bonhoeffer. Auch Mutter Paula. „Heute würde man sie als Netzwerkerin beschreiben,“ sagte Dubberke. „Sie wusste, wem die Familie vertrauen konnte, wer Sympathisant oder Hardliner war. Sie kannte sie alle.“

Die Frauen waren wichtig

In diesem Zusammenhang plädierte Dubberke dafür, die Ausstellung zu erweitern: „Gerade die Frauen der Familie Bonhoeffer sind unterrepräsentiert, aber wichtig und prägend.“ Nach Mutter Paula nennt er auch die Schwester von Dietrich, Christine Bonhoeffer. Sie war mit Hans von Dohnanyi verheiratet, der ebenfalls im Widerstand tätig war.
Christine war es, die ihren im Gefängnis sitzenden Mann Hans in einer Mahlzeit Typhus-Bakterien verabreichte. Hans hatte sie darum gebeten, weil er Angst hatte, unter Folter andere Mitglieder des Widerstands zu verraten. Hans wurde gegen Ende des Krieges im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet.

Da seine Frau Christine über die Pläne der Organisation informiert war, hatte die Gestapo sie zeitweise ebenfalls verhaftet. Allerdings wurde sie später ohne Verurteilung wieder entlassen. Stets hatte sie auch Kontakt zu ihrem Bruder Dietrich, der in Tegel in Haft saß und am 9. April 1954 im Konzentrationslager Flossenbrück hingerichtet wurde.

Fünf Backsteine aus Tegel

Mit zwei positiven Erlebnissen beendete Pfarrer Dubberke seine Führung. „Eines Tages fanden wir in einer Tüte fünf Backsteine vor unserer Haustür“, erzählt er. Es waren Backsteine aus dem Gefängnis in Tegel, indem Dietrich Bonhoeffer nach seiner Verhaftung saß. „Als es abgerissen wurde, hat jemand diese Steine gerettet uns vor die Tür gestellt.“

 Und beim Aufräumen eines Schrankes fand sich in einem Karton ein Taufkleid. Ein Zettel wies darauf hin, dass es sich um das Taufkleid von Dietrich Bonhoeffer handelte. Heute hängt es – in einem Bilderrahmen – im Haus. Andreas Statzkowski fand zum Schluss die richtigen Worte: „Wir alle haben viel über Dietrich Bonhoeffer und seine Familie erfahren, dass uns unbekannt war. Wir dürfen all das nicht vergessen, sondern müssen die Erinnerung daran wachhalten.“

Für Führungen bitte anmelden

Das Bonhoeffer-Haus ist eine Berliner Erinnerungs- und Begegnungsstätte in Trägerschaft der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie befindet sich im ehemaligen Wohnhaus der Familie Bonhoeffer in der Siedlung Heerstraße im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Marienburger Allee 43, 14055 Berlin.Das Haus steht für Gruppen und Einzelbesucher offen. Interessenten sollten sich mindestens eine Woche vor dem gewünschten Besuchstermin anmelden. Sonnabends gibt es regelmäßig Führungen in Deutsch und Englisch.

Anmeldung per E-Mail: tour@bonhoeffer-haus-berlin.de <tour@bonhoeffer-haus-berlin.de>;

Weitere Informationen im Netz finden Sie beispielsweise unter https://www.dietrich-bonhoeffer.net

 

IST WESTEND DER SCHÖNSTE ORTSTEIL BERLINS?
Auf jeden Fall
Joa, ist ganz schick
Es gibt schönere