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24.05.2021, 11:38 Uhr | Dr. Norbert Meier

Wo kommen wir her? Wo stehen wir heute? Wo wollen wir hin?

Erfahrungen eines Bürgerrechtlers der ex-DDR

Zu einer digitalen Vortragsveranstaltung am 4. Mai hatte Andreas Statzkowski den mittlerweile 78jährigen Pfarrer Rainer Eppelmann eingeladen, den Viele noch als Bürgerrechtler des Demokratischen Aufbruchs, letzten Verteidigungsminister der DDR und als Abgeordneten des Deutschen Bundestags (1990-2005) kennen werden.



Nach einem Überblick über sein Leben vom Ende des Zweiten Weltkrieges über die Zeit in der DDR bis zur Einheit Deutschlands konzentrierte er seine Betrachtungen auf die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, wo er zu den exponierten Streitern für ein freiheitliches Leben im sozialistischen Teil Deutschlands zählte. Auf eine Zeit, in der die Menschen zum ersten Mal seit dem 17 Juni 1953 nicht mehr schwiegen, sondern für einen Wandel in der politischen Führung zu kämpfen begannen. Auf eine Zeit, wo die große Mehrheit der Jugend bei FDJ oder Jungen Pionieren organisiert war und ihr Empfinden für „Wahrheit“ häufig von Eltern beeinflusst wurden, die zu Hause und im Betrieb oder in der Öffentlichkeit völlig andere Meinungen vertraten. Und auf eine Zeit, wo er als Staatsfeind Nummer 1 der DDR galt, weil er „die DDR kaputtmachen“ wolle, was in mindestens drei Versuchen kulminierte, ihn „unschädlich zu machen“ – sprich: zu ermorden.

Um auf die Gegenwart zu sprechen zu kommen, blickte er kurz zurück auf die Zeit nach 1945, wo „Deutscher“ oder gar „deutsche Sau“ zu den schlimmsten Schimpfwörtern zählten. Heute hingegen seien die Deutschen in aller Welt geschätzt wegen ihres freiheitlichen Staatswesens und der von ihnen vertretenen Werte – also „müssen wir vieles richtig gemacht haben“. Dabei hätten die Menschen, die die heutigen Gesetze entwickelt und politische Entscheidungen getroffen hatten, nicht in erster Linie an persönlichen Reichtum gedacht, denn dann „wären sie nach Saudi-Arabien gegangen“. Der Schlüssel dafür, dass dies auch so bleibt, sei die heutige Jugend, und deshalb geht Eppelmann häufig zu schulischen Veranstaltungen, um dort die Notwendigkeit eines demokratischen Systems für die Gewährleistung von Freiheit, Sicherheit und Wohlstand zu verdeutlichen. Nach einem Plädoyer für europäischen Zusammenhalt schloss Eppelmann seinen Vortrag mit einem bekannten Gedicht des katholischen Geistlichen Lothar Zenetti, das mit den Zeilen beginnt: „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus …“.

Anschließend ging er ausführlich auf die Fragen ein, die ihm die gut ein Dutzend Teilnehmer der Veranstaltung stellten. Auf die Ergebnisse der letzten Volkskammerwahl in der DDR eingehend, stellte er fest, dass die Kandidaten der Bürgerbewegungen damals zu wenig bekannt gewesen seien, und Menschen oft jene wählten, die ihnen vertraut sind. Zur heutigen oft anzutreffenden DDR-Nostalgie kommentierte er, dass damals zum Beispiel Brötchen extrem billig gewesen seien, dass aber aufgrund der falschen Subventionspolitik z.B. Häuser nicht instandgehalten oder sogar verschenkt wurden, weil sie sich nicht rechneten. In einem Nachsatz merkte er noch an, dass wir „damals alle sehr viel Glück gehabt“ hätten, denn niemand wisse, unter welchen politischen Verhältnissen wir heute leben würden, wenn Schabowski damals nicht die allseits bekannte folgenreiche Aussage bei der Pressekonferenz von sich gegeben hätte.

Zum Abschluss der Veranstaltung erläuterte Rainer Eppelmann noch seinen innigen Wunsch, mindestens 93 Jahre alt zu werden. Dann nämlich könnte er seiner Frau sagen, er hätte länger in einer Demokratie als in einer Diktatur gelebt.

Ein Gastbeitrag von Dr. Norbert Meier

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